bullen

Der tut nix! – Wenn aus Kälbchen große Bullen werden

Von Dr. Benno Neufeld, prakt. Tierarzt, 88299 Leutkirch
Artikel erschienen: Nutztierpraxis Aktuell, 34, 56-58 (2010)    [ Umgang mit Bullen 2009.pdf  pdf

Im Umgang mit Deckbullen kommt es in der Landwirtschaft immer wieder zu ernsten Verletzungen oder gar Todesfällen. Bullen sind die gefährlichsten Tiere auf einem Bauernhof, welchen man niemals trauen sollte. Ursachen für Unfälle mit Bullen sind meist polyfaktoriell. Während Milchkühe wesentlich zahmer und umgänglicher sind als Mutterkühe von Fleischrassen, ist dies bei den Bullen gerade umgekehrt. Reine Milchviehbullen sind paradoxerweise wesentlich aggressiver und gefährlicher als Bullen von Fleischrassen. Die häufigsten Vorfälle mit Bullen ereignen sich beim Umtreiben sowohl auf der Weide als auch im Stall. Bei Mutterkühen hingegen ereignen sich Unfälle oft beim Markieren der Kälber mit Ohrmarken. Allgemein gelten Bullen mit einer erhöhten Libido als gefährlich. Die häufigsten Todesopfer sind Männer ab einem Alter von 60 Jahren. Die geschädigten Personen sind trotz eindeutiger Unfallverhütungsvorschriften oft allein beim Bullen. Bullen, die bereits Menschen angegriffen haben, werden dies mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wiederholen und sind unbedingt zu schlachten, da die ursprünglich bestehende Angriffshemmung aufgehoben ist. Die erste Attacke sollte definitiv auch die Letzte sein. Ebenso ist mit Bullen zu verfahren, die Menschen gegenüber ausgeprägtes Drohverhalten zeigen. Versuche solche Bullen zu zähmen oder zu erziehen, sollte professionellen Tierpflegern auf Besamungsstationen vorbehalten bleiben, auf Milchviehbetrieben gelingt dies in der Regel nicht. Die Empfehlung den Bullen bei allen Stallarbeiten im Freßgitter zu fixieren lässt sich häufig nicht umsetzen, weil die Freßgitter i.d.R. auf Kuhmaße eingestellt sind und beim Bullen häufig nicht richtig schließen. So empfiehlt es sich in Laufstallbetrieben, die Bullen in einer separaten Deckbucht mit geeigneter Fixierungsmöglichkeit zu halten. Fehlendes bzw. unzureichendes Dominanzverhalten von Frauen und Senioren demonstriert Unterlegenheit und scheint Angriffe zu begünstigen. Hoher Pflege- und Sozialkontakt, sanftes, ruhiges Ansprechen mit tiefer Stimme wirkt sich zwischen Bullen und Betreuer hingegen positiv aus. Erfahrene, ruhige, ausgeglichene, aber auch energische Landwirte haben weniger Konflikte mit ihren Bullen zu erwarten als unsichere, nervöse und unerfahrene Betreuer. Persönliche Stimmungen und mangelnde Konzentration werden von Bullen schnell wahrgenommen.Die gefährlichsten Bullen sind fehlgeprägte Bullen mit einem Identitätsproblem oder Bullen mit einem erlernten Fehlverhalten. Dies trifft insbesondere bei Bullen aus Milchviehbetrieben zu, welche durch die künstliche Aufzucht nicht richtig auf ihre Gattung hin geprägt und sozialisiert sind. Bullenkälber, welche alleine und ohne Auseinandersetzung mit anderen Rindern aufwachsen, halten sich durch eine Fehlprägung für „Menschen“. Im Alter von 2 Jahren werden sie erwachsen und wollen nun nicht einfach „Oberbulle innerhalb einer Rinderherde“ sondern „Betriebsleiter auf einem Bauernhof“, also „Bauer“ sein. Dies führt letztlich zu den gefährlichen Angriffen auf Menschen. Bullen im Alter von 3 Jahren sowie von 7 bis 10 Jahren gelten als am gefährlichsten.

Fleischbullen aus Mutterkuhherden hingegen wachsen natürlich bei der Mutter bzw. in Bullenherden auf. Sie können zwischen Menschen und Artgenossen differenzieren und halten Menschen nicht für einen Bestandteil der Herde. Angriffe sind hier deutlich seltener. Solche Bullen haben es auch von klein auf gelernt sich ohne Kampfverhalten auseinanderzusetzen und zu unterwerfen. Aber auch hier gibt es natürlich keine absolute Sicherheit.

Selbst wenn es keinen sicheren und frommen Bullen geben kann, so gibt es doch einige Empfehlungen, wie sich das Risiko gerade für Milchviehhalter zwar nicht ausschließen aber doch deutlich minimieren lässt:

Zuchtbullenkälber sollten nach Möglichkeit nicht künstlich, sondern zunächst an Ammenkühen und schließlich (spätestens nach der Tränkeperiode) in Bullengruppen bzw. mit Kastraten aufgezogen werden (sichere Sozialprägung). Einzelhaltung in der Aufzuchtphase sowie in längeren Zeiträumen ist unbedingt zu vermeiden. Ab einem Alter von 9-10 Monaten können die Jungbullen bis zu ihrem Deckeinsatz in der Gruppe der Trocksteher mitlaufen und können hier ebenfalls Sozialverhalten lernen.
Niemals mit dem Kalb bzw. Jungrind spielerisch rumraufen. Niemals beim Kalb das Boxen mit dem Kopf dulden. Niemals auch nicht spielerisch die Stirn streicheln oder tätscheln, auf die Stirn klopfen oder schlagen. Zur Kontaktaufnahme nur auf die Schulter tätscheln oder unter dem Kinn streicheln. Druck auf die Stirn bzw. im Hornbereich initiiert das Kampfverhalten.
Individualdistanz von 6 Meter respektieren. Keine unnötigen Feindvermeidungskonflikte schaffen. Die Unterbringung muss gewährleisten, dass insbesondere Betriebsfremde (Besamungstechniker, Tierarzt, etc.) die Individualdistanz einhalten können und nicht gezwungen sind am Bullen vorbeizulaufen. Der Bulle lernt sonst, dass er mit seiner Drohhaltung Menschen vertreiben kann und wird so in seiner Aggressivität bestärkt (Postboteneffekt).
Jeder erwachsene Bulle, welcher Menschen gegenüber ausgeprägtes Drohverhalten zeigt, sollte entfernt werden.
Im Gefahrenmoment, bei Drohgebärden niemals wegrennen und niemals dem Bullen den Rücken zukehren. Dominanzverhalten (Frontales Auftreten, energisches Entgegentreten, lautes Rufen „Zurück!“, Ausbreiten der Arme) kann den Bullen zurücktreiben. Bei Flucht aus dem Gefahrenbereich immer langsam rückwärtslaufen und den Bullen anschauen. (In besonderen Situationen evtl. Stockschläge auf Nase aber nie auf die Stirn!) Abwenden und Wegrennen initiiert beim Bullen stets ein Nachhetzen mit gefährlicher Stoßattacke. Eventuell lässt sich ein angreifender Bulle durch das nicht hastige Wegwerfen eines Gegenstandes (z.B. ein Taschentuch) kurzfristig ablenken.Bei allen Arbeiten niemals dem Bullen den Rücken zukehren und niemals allein bei einem Bullen sein. Dies gilt insbesondere bei Männern ab 60 Jahren und Frauen in jeder Altersstufe. Kinder und Betriebsfremde sind auf die besonderen Gefahren hinzuweisen.

Milchrassebullen sollten rechtzeitig ausgetauscht werden. Maximales Alter 24 Monate.

Das Trennen eines Bullen allein von der Herde ist besonders gefährlich.

Bullen und Rinder haben genau wie Elefanten ein sehr gutes Gedächtnis. Schlechte Erfahrungen mit Menschen, auch und gerade in der Aufzuchtphase wirken sich auf das spätere Verhalten negativ aus.

Alle Drohgebärden sind bereits ernsthafte Anzeichen von Aggression und gehen einer Attacke vorraus. Die Individualdistanz bei Bullen liegt bei etwa 6 Meter.

Beginnende Drohgebärden:
Präsentierung der vollen Breitseite des Körpers (rechter Winkel).
ritualisierte Kopf-Halshaltung unter Anziehung des Kinns
Fortgeschrittene Drohgebärden:
Kopf- und Halsreiben
Brummen, Röhren
Bodenhornen
Scharren
Drohschütteln des Kopfes, seitlich ausholende, stoßende Kopfbewegungen in den freien Raum

Bestimmungen der Unfallverhütungsvorschrift Tierhaltung (VSG 4.1) zum Umgang mit Deckbullen:
Zuchtbullen spätestens im Alter von 12 Monaten mit Nasenring versehen
Anbinden nur am Nasenring ist unzulässig
Führen mit am Nasenring befestigter Leitstange (mind. 1,4m) und Halfter mit Leitstrick. Befestigen und Lösen der Leitstange außerhalb der Box.
Leitvorrichtungen (Seile, Ketten, Stricke, Stangen) sind so zu halten, dass sie im Gefahrfall sofort losgelassen werden können.
Beim Führen, ohne Nasenring, muss eine weitere Person anwesend sein
Beim Umgang mit nicht angebundenen Bullen über 200kg Lebendgewicht muss eine weitere Person anwesend sein
Weiden oder Ställe in denen Bullen mitlaufen, dürfen nicht ohne Treibhilfe und nicht ohne Helfer sowie nicht ohne ausreichende Fluchtmöglichkeit betreten werden.
ruhiges, umsichtiges, entschlossenes und tierverständiges Verhalten
Tiere vor dem Herantreten ansprechen, Reaktion abwarten
Gefährdungshinweis, wenn männliche Tiere in Herde mitlaufen
Boxenlaufställe mit geeigneten Fluchtwegen und Treibhilfen ausstatten
Einzelbox für Bullen mit Fluchtweg oder Personenschlupf und Anbindemöglichkeit
Auf den Weideflächen nur unbedingt notwendige Arbeiten durchführen
Zum Einfangen einzelner Tiere auf Weide geeignete Einfanghilfen. Zum Aussondern von Einzeltieren muss mindestens eine weitere Person anwesend sein.

Literatur:
J. Albright (2000): Why and how to read a cow or bull
http://www.cnr.berkeley.edu/ucce50/ag-labor/7article/article29.htm

T. Grandin (2006): Preventing bull accidents
http://www.grandin.com/behaviour/principles/preventing.bull.accidents.html

B. Grove u. A. Mills (2002): Bulls on the Dairy Farm

Info Holstein publication (2000): Dairy bulls can become big bullies

K. Stafford (2005): Cattle handling skills
http://www.acc.co.nz/PRD_EXT_CSMP/groups/external_ip/documents/publications_promotion/wim2_065192.pdf

Landwirtschaftliche Sozialversicherung (2008): Unfallverhütungsvorschrift Tierhaltung (VSG 4.1)
https://www.svlfg.de/30-praevention/prv03-gesetze-und-vorschriften/prv0301-vorschriften-fuer-sicherheit-und-gesundheitsschutz/15_vsg41.pdf

Autor:
Dr. Benno Neufeld
prakt. Tierarzt
88299 Leutkirch

 

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